An Frau Müller-Widmann
- Autor*in: Béla Bartók
- Entstehungsjahr: 1938
- Originalsprachen: Deutsch
- Gattung: Brief
Übersetzung
Béla Bartók an Frau Müller-Widmann
Budapest, den 13. April 1938
Liebe Frau Müller!
Ihr teilnahmsvoller Brief hat uns unendlich wohlgetan! Ja, das war auch für uns eine fürchterliche Zeit – jene Tage, in denen Österreich überrumpelt wurde. Über diese Katastrophe zu schreiben, glaube ich, ist ganz überflüssig. – Sie haben ja das Wichtigste sehr knapp und schön in Worte gefaßt – genau so, wie auch wir es fühlen. Nur eines möchte ich hinzufügen, was – wenigstens für uns – zur Zeit am schrecklichsten ist. Es ist nämlich die eminente Gefahr, daß sich auch Ungarn diesem Räuber- und Mördersystem ergibt. Die Frage ist nur, wann und wie? Wie ich dann in so einem Lande weiter leben oder – was dasselbe bedeutet – weiter arbeiten kann, ist gar nicht vorstellbar. Ich hätte eigentlich die Pflicht, auszuwandern, solange es noch möglich ist. Aber – auch im günstigsten Fall – würde mir das Erwerben des täglichen Brotes in irgendeinem fremden Lande so ungeheure Schwierigkeiten und seelische Pein verursachen (jetzt in meinem 58. Jahr wieder mit unersprießlichen Arbeiten, wie z. B. Unterricht, zu beginnen irgendwo und ganz darauf angewiesen zu sein), daß daran gar nicht zu denken ist. Denn ich würde ja damit gar nichts erreichen, könnte ja unter solchen Umständen auch anderswo meine eigentlichen und wichtigsten Arbeiten nicht verrichten. Also ist es ganz gleich, ob ich gehe oder bleibe. – Dann habe ich hier meine Mutter: soll ich sie jetzt, in ihren letzten Lebensjahren für immer verlassen – nein, das kann ich nicht tun! Das bisherige betrifft Ungarn, wo leider die gebildeten“ christlichen Leute fast ausschließlich dem Nazi-System ergeben sind: ich schäme mich wirklich, aus dieser Klasse zu stammen.
Was mich aber nicht minder beunruhigt, ist der Gedanke, wann (nach dem Niedergang der Tschechoslowakei und Ungarns) die Reihe z. B. an die Schweiz kommt (und dann an Belgien usw.). Wie ist es eigentlich bei Ihnen? Aber wie günstig auch die Lage bei Ihnen wäre, die Möglichkeit ist immer vorhanden, daß sich 1000 Personen finden, die plötzlich Deutschland um den Einmarsch ersuchen!
Was nun meine spezielle Lage anbetrifft, so ist sie vorläufig eine ziemlich böse, denn nicht nur mein Verlag (U. E.) ist jetzt ein Naziverlag geworden (man hat die Inhaber und Leiter einfach hinausgeworfen), sondern auch die A. K. M. (Gesellschaft für die Aufführungsrechte), der ich angehöre (auch Kodály) ist ja eine Wiener Gesellschaft, die jetzt – eben falls „nazifiziert“ wurde. Eben vorgestern erhielt ich den berüchtigten Fragebogen, mit Fragen über Großväter usw., dann: „Sind sie deutschblütig, rassenverwandt oder nichtarisch?“ Natürlich wird dieser Fragebogen weder von mir noch von Kodály ausgefüllt: unser Standpunkt ist, daß solche Fragerei (1) rechts- und statutenwidrig ist. (Eigentlich schade, denn man könnte bei der Beantwortung schöne Späße machen, z. B. sagen, wir sind nichtarisch – weil ja schließlich, wie ich aus meinem Lexikon erfahre, „arisch“ „indoeuropäisch“ heißt; wir Ungarn sind jedoch finno-ugrisch, ja sogar vielleicht rassenmäßig nordtürkisch, also überhaupt nicht indoeuropäisch, demzufolge nicht arisch. Eine andere Frage lautet: „Wo und wann wurden Sie verwundet?“ Antwort: „Am 11., 12. und 13. März in Wien!“)
Aber leider können wir uns diese Späßchen nicht erlauben, denn wir müssen eben daran festhalten, daß dieser statutenwidrige Fragebogen uns nichts angeht und deshalb unbeantwortet bleiben muß. – Je mehr Statutenwidrigkeiten bei der A. K. M. verübt werden, desto besser für uns, desto leichter können wir uns aus ihren Krallen befreien (denn sonst müßten wir noch 10 (sage zehn Jahre in diesem Gefängnis bleiben, laut einem unglückseligen § der Statuten!). Soeben hören wir, daß 2 mächtige Komponistengesellschaften zweier westeurop. Staaten bereit wären, uns als Mitglieder aufzunehmen… jetzt müssen also noch weitere in Aussicht stehende Statutenverletzungen abgewartet werden und dann können die nötigen Schritte vorgenommen werden. Was die U. E. anbelangt, so ist gerade in den letzten Tagen aus einem fremden, aber sehr wichtigen Lande die Nachricht gewisser Pläne gekommen, die unsere Befreiung bezwecken. Leider kann ich darüber nichts Ausführliches berichten, muß Sie sogar bitten, selbst diese beiden Nachrichten (in den letzten 13 Zeilen dieses Briefes) nicht weiterzugeben.
Ihre angebotene Hilfe hat uns wirklich gerührt! Und in der Tat hätte ich 3 Angelegenheiten, wo ich Sie um Ihre Hilfe bitten möchte, wenn Ihnen das keine Unbequemlichkeiten verursacht.
- Schon seit Nov. sehe ich, daß die Politik Ungarns auf immer schiefere Wege gerät: da kam mir schon damals der Gedanke, daß ich wenigstens die Autographen meiner musikalischen Werke irgendwo in Sicherheit zu bringen hätte. Ich beabsichtigte eigentlich schon im Januar darüber zu sprechen, aber durch das viele Durcheinander kam ich nicht dazu. Nun frage ich Sie beide, ob Sie die Freundlichkeit hätten, diese Schriften bei sich zu beherbergen. Natürlich ganz ohne Verantwortung: ich meine, alles Risiko nehme ich auf mich. Großen Umfang haben die se Sachen nicht: vielleicht den eines kleineren Koffers. Einen Teil möchte ich vielleicht durch Frau Geyer hinsenden, den anderen gelegentlich selbst hinbringen.
- (Das hat nichts mit der Krise zu tun! Ich habe mein Exemplar jener deutschen Rohübersetzungen meiner Kinder- und Frauenchöre verloren. Könnten Sie vielleicht von Herrn Huber (nicht wahr, so heißt der Gesanglehrer Ihrer Töchter?) sein Exemplar auf eine kurze Zeit zu rückverlangen und davon 5 Exemplare kopieren lassen? Die Unkosten werde ich durch Schultheis oder persönlich (im Juni) begleichen.
- (Das bezieht sich auf einen Streit, den ich mit dem deutschen Autoren-Komponisten-Verband habe.) Ich sende ein Dossier separat, ein geschrieben, daraus erfahren Sie, worum es sich handelt. Ich habe diesen Protest auch nach Baden-Baden geschickt (wo er eine große Bestürzung hervorgerufen hat, was mir zwar aufrichtig leid tut, aber eine Ausnahme zu machen, ist nicht möglich). Man wollte dort nämlich – wie Sie aus dem beigelegten Programmblatt sehen – meine „5 ungarischen Volkslieder“ – ebenfalls ein von jenem Komponistenverband, der berüchtigten Stagma, zu einer „Bearbeitung“ degradiertes Werk „aufführen. – Ich nehme nun an, daß irgend jemand, vielleicht eben Herr Sacher, zu diesem Musikfest hinreist: könnten Sie ihm dieses Schriftstück zur Ansicht übergeben und ihn (oder den, der eben nach Baden-Baden fährt) in meinem Namen um folgendes ersuchen: a) mir nach dem Musikfest zu berichten, ob das Werk trotz meines Protestes dort aufgeführt wurde: b) falls die Aufführung tatsächlich stattgefunden hat, dort die Nachricht zu verbreiten, daß ich dagegen Protest erhoben habe; c) wenn die Aufführung nicht geschehen ist, mich darüber zu benachrichtigen, womit man das Fortbleiben begründet hat.
Wissen Sie schon, daß wir im Juni nach London reisen, um dort am 20. (?) die 2. Klav. Sonate zu spielen? Die dortige Gesellschaft hat uns für 50 engagiert; vorher spielen wir das Werk am 11. im Radio-Luxembourg, also werden wir irgendwie doch ohne Defizit auskommen. Bei der Rückfahrt möchten wir dann über die Schweiz reisen!
Das ist ein überaus langer Brief geworden – beg your pardon! Mit den wärmsten Grüßen an Sie und an Herrn Professor von uns beiden
Ihr ergebener
Béla Bartók
- S. Bitte jenes Schriftstück über die Stagma einstweilen noch nicht Journalisten zu zeigen. (Das kommt später – vielleicht.)
Deutsch im Original
Quelle
Budapester Coctail. Literatur, Kunst, Humor 1900 – 1945. Hg. v. Aranka Ugrin und Kálmán Vargha. Budapest: Corvina, 247-250.
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