Anna Trunečková: Die Emanzipierte
Sie geht Tag für Tag, einfach angekleidet, mit einem ernsten, fast strengen Gesichtsausdruck diegleichen Straßen. Sie achtet auf niemanden, wie immer ganz in Gedanken versunken. So ging sie tagtäglich gegen acht Uhr morgens ihrer Arbeit nach. Sie war ein Handelskontor in einem großen Fabrikunternehmen.
Sie beantwortet die Grüße von Herren kühl, fast nichtachtend. Mancher möchte meinen, sie sei stolz und unzugänglich. Er liege jedoch falsch. Sie ist nur in sich geschlossen, weil sie weiß, wie wenige richtige Freunde sie hat und dass hinter manchen Grüßen Neid steckt. Sie hört doch zu oft sanfte Andeutungen:
„Ach die heutigen Frauen, sie sind nicht mehr so, wie sie sein sollten, sie sind nicht mit ihrer wahren Bestimmung zufrieden. Statt sich darum zu bemühen, eine gute Hausfrau zu werden, versucht eine jede von ihnen, die ein bisschen Bildung genossen hat, den Männern ihre Stellen wegzunehmen. Und weil kein gesellschaftliches Leben brauchen, ohne welches ein Mann undenkbar wäre, möchte er nicht lächerlich wirken, geben sie sich mit einem niedrigeren Dienstgehalt zufrieden und auf diese Weise werden sie gefährliche Konkurrentinnen der Männer. Es versteht sich schon, dass es viel bequemer ist, ein paar Stunden in einem Büro herumzusitzen, und dann schön ausgeputzt flanieren zu gehen, anstatt in der Küche zu schuften, sich die Finger schmutzig zu machen und sich um den Haushalt zu kümmern.“
Solche Reden musste sie sich häufig von ihren Kollegen im Büro anhören. Sie widersprach und verteidigte sich nie, sie senkte bloß den Kopf über dem Schreibtisch und vertiefte sich noch eifriger in ihre Arbeit. Wie hätte sie sich mit ihrer mangelnden Beredsamkeit mit ihnen auch messen können? Sie werden schon verstummen, wenn sie merken, dass sie ihr mit diesen boshaften Bemerkungen nicht nahetreten können.
Sie wirkte auf den ersten Blick ruhig und gleichgültig, aber wenn sie abends in ihr kleines verlassenes Zimmer zurückkehrte, war sie unglücklich und zerrissen.
Wozu so ein Leben? Warum schuften, warum arbeiten? Sie wird in der Arbeit alt, ohne sich eine, wie auch immer bescheidene Zukunft sichern zu können. Ohne Freunde, ohne Familie, wie traurig wird sie nur sein!
In solchen Augenblicken schlich ihr wie Schatten Neid glücklicheren Gefährtinnen gegenüber ins Herz, die an der Seite des geliebten Mannes ein zufriedenes Familienleben führen. Und sie? Aber was will sie eigentlich? Sie ist doch selbstständig, unabhängig und viele Männer beneiden sie doch darum…
Sie würden sie wohl nicht beneiden, wenn sie in ihre Seele schauen könnten, die sich einst so sehr nach Liebe und Familienleben sehnte.
Was kann sie dafür, dass das Schicksal ihr keinen festen Hafen gegönnt hatte, dass es sie in den stürmischen Wellen des Lebens weitertreibt? Mit welcher Kraft muss sie ihre Arbeit, das einzige Ruder, mit dem sie vorwärts segelt, in der Hand halten. Wird sie auch später genug Kraft haben, es fest zu halten, es nicht zu verlieren, um nicht hilflos dazustehen?
Solche Gedanken zogen ihr abends durch den Kopf, wenn ihr tagsüber etwas Unangenehmes zustieß. Und auch heute, als sie nach Hause kam, versuchte sie vergeblich, die Schwermut loszuwerden, die sich ihrer immer mehr bemächtigte. Wie ist denn die Trauer zu verdrängen, wie sind die in Augen steigenden Tränen zu unterdrücken?
Unwillkürlich öffnete sie eine Schublade und zog einen Brief heraus, den sie am Vortag von Zuhause bekam. Vielleicht bringen ihr die schlichten, von keiner künstlichen Hand geschriebenen Zeilen eine Erleichterung. Sie hatte sie schon mehrmals gelesen, und jetzt las sie sie wieder:
„Liebe Boženko!
Wie begrüßen und küssen Dich tausendmal und wollen Dich wissen lassen, dass wir Gott sei Dank gesund sind. Wir haben das Geld von Dir erhalten, wofür wir Dir vielmals danken. Ich kann es kaum niederschreiben, wie gut es für uns ist, dass du uns auf diese Weise hilfst. Es schmerzt uns bloß, dass Du auf diese Weise das Geld verlierst. Wir wissen gar nicht, wie wir ohne Dich leben würden. Unser lieber Herr Gott hat sich erbarmt, dass Du so einen guten Dienst bekommen hast und an uns denkst. Du bist bei unserem Altwerden unsere einzige Unterstützung. Jeník ist ein guter Bursch, aber er hat kein Mitgefühl und außerdem verbraucht ein junger Kerl immer mehr. Mutter und ich wollen gar nicht daran denken, wie Du Dich für uns opferst! Wir wissen, liebes Kind, auch wenn Du es uns nichts sagst und es noch leugnest, dass Du auch gern an jemand Gefallen fändest, dass Du auch jemand gern haben möchtest, und Du nur deshalb nicht heiraten willst, damit Du uns weiter finanziell helfen kannst. Herr Gott wolle es Dir zurückzahlen und dass Du niemals vermissen wirst, womit Du uns hilfst! Mutter und ich würden Dir mit eigenem Blut das Glück für Deine Liebe zu uns erkaufen, aber leider Gottes bringt es nicht viel.
Diese Blume schickt Dir die Mutter. Sie wächst am Fenster und sie freut sich, wenn Du nach Hause kommst, damit du dich an ihr bisschen erfreuen könntest, da Du doch Blumen so magst!
Boženko, schone Dich, wir haben doch niemanden auf der Welt außer Dir. Als Du das letzte Mal zu Hause warst, schienst Du uns ein bisschen traurig und so haben wir Angst, ob Du nicht Kummer hast.
Wir grüßen wir Dich tausendmal und bleiben Deine ehrlichen Eltern.
Schreib uns bitte bald wieder.“
Sie hatte zu Ende gelesen und nachdem sie neue Kraft geschöpft hatte, drückte sie den Brief an die Lippen. So viel Liebe und Verständnis in einem Brief! Nein, nein! Das Leben ist nicht ganz aussichtlos, nein, ist es nicht! Sie arbeitet doch für ihre zwei Liebsten, Gott stellte ihr solch eine edle Aufgabe.
Nun sollen alle kommen, die Frauen über die Sehnsucht nach der Emanzipation, nach der selbstständigen Arbeit erzählen!
Nun sollen alle kommen und diese einfachen Zeilen lesen, ob sie dann noch etwas einwenden würden!
Eine Frau mit Männern gleichberechtigte, eine emanzipierte Frau schafft viel, viel mehr, manchmal mehr als zehn Männer!
Trunečková, Anna. Emancipovaná! In Dennica, 5, 1902, 8, s. 169-171.