Hermin Veres-Benicky: Aufruf an die Weiber!
Der unmittelbarste Wirkungskreis in Staatsangelegenheiten fällt dem Manne anheim, doch wer könnte denn leugnen, wie sehr eine wissenschaftlich gebildete Frau durch das Zusammenführen ihrer glühenden patriotischen Gefühle fähig ist, die männliche Brust, die aufgrund der Schwierigkeiten bei der Ausführung oft ermatten mag, zur Faszination, Begeisterung und Ausdauer zu bewegen. Nur ein aufgeteiltes Land des Geistes kann eine allgemeine geistige Wohlfahrt und eine allgemeine Vervollkommnung herbeiführen.
Doch der Mensch braucht auch materielle Wohlfahrt, und diese besteht im Einklang der zu seiner Verfügung stehenden diesseitigen Werte und Bedürfnisse, und darin liegt eine der entscheidenden Aufgaben der Lebensweisheit. Haltet doch Umschau im Leben, und Ihr werdet finden, daß, wenn das seelische Talent der Frau brachliegt, all ihre Sehnsüchte auf Genüsse konzentriert werden, und ungeachtet ihrer inneren Werte – über die sie nicht verfügt –, die Toilette, das Kokettieren, das Hinterherjagen von lustvollen Nichtigkeiten und die in den Äußerlichkeiten nach Vorrang strebende Eitelkeit jene Achse bilden werden, um welche sich ihre Glückseligkeit auf Erden dreht; aber Ihr werdet auch finden, daß die wissenschaftlich gebildete Frau, die sich über die nichtigen Äußerlichkeiten zu erheben vermag, ihre Bedürfnisse nie über die Grenzen ihrer verfügbaren Mittel hinaus ausdehnt, da sie ihre inneren Werte zu schätzen weiß.
Eine Menge von Gedanken könnte noch hinsichtlich dessen angeführt werden, wie falsch die These, ja wie sündhaft sie ist, wenn sie die Ausbildung unsres Geschlechts dahingehend negativ beeinträchtigt, daß die wissenschaftliche Bildung der Frau unnötig sei – um den Raum im vorliegenden ehrenvollen Blatt jedoch nicht über Gebühr in Anspruch zu nehmen, sollte soviel genügen.
Bedauerlicherweise zeigt die Erfahrung aber, daß in unsrem Land diejenigen, die dazu bestimmt wurden, die Staatsangelegenheiten unmittelbar zu leiten, kaum etwas für die wissenschaftliche Ausbildung des Frauengeschlechts getan haben; die Frauenerziehung, da sie nicht über die Grenzen des Elementaren der Wissenschaften hinausreicht, verschloß vor uns die wahren Schätze der Bildung wie auch den Weg in die Tiefen der Wissenschaft, und so beschränkte sie sich auf die Vermittlung ausländischer Sprachen und gesellschaftlicher Regeln.
So kann es allerdings nicht weitergehen: Auch wir müssen erwachen, denn nur auf diese Weise können wir uns die Lebenstüchtigkeit der zukünftigen, uns dank der Bänder der Natur anvertrauten Generation und somit die Lebenstüchtigkeit unsrer Nation sichern, wenn wir selbst in der Allgemeinbildung mit den neuen Entwicklungen in der Religion, den Natur- und Geisteswissenschaften, der Geschichte, ja sogar den Staatswissenschaften Schritt halten.
So rufe ich meine Mitstreiterinnen auf, sich der Idee der wissenschaftlichen Ausbildung der Weiberkinder anzunehmen, diese in der üblichen Zeit der Kindesausbildung anzusetzen und solange mit regelmäßiger Ausdauer fortzuführen, bis sich das herangereifte Mädchen ausreichende Grundlagen für die Weiterbildung zu eigen gemacht beziehungsweise den Wissensdurst gelöscht hat. Demgemäß und um das Ziel der Sicherheit zu erreichen, solltet Ihr sie zumindest bis zu ihrem achtzehnten oder neunzehnten Lebensjahr von all dem fernhalten, was in ihren Sehnsüchte, die sie zum Lärm der Welt ziehen könnten, zu erwecken vermag und was Euch in Eurem ehrenvollen Ziel lähmend hindern könnte. Sie sollten also lernende Kinder sein, die nach dieser Zeit als Frauen, und für alle Seiten des Lebens zur Lösung ihrer Aufgaben vollkommen ausgebildet, die Schwelle zur großen Gesellschaft überschreiten können.
Andererseits solltet Ihr, die Ihr bereits das Lernalter des Kindes hinter Euch habt, nichts versäumen, was für die Ausbildung Eurer geistigen Talente von Nöten ist; aus diesem Grunde empfehle ich all jenen die Idee eines Vereins, die dank ihres Schicksals in größeren Städten zu Hause sind; für die wissenschaftliche Ausbildung des Mannes haben wir doch die Akademie, die Universität und Vereine für unterschiedlichste Disziplinen – warum aber könnten Frauen, die sich nach wissenschaftlicher Bildung sehnen, in den größeren Städten nicht vorläufig einen Verein gründen, in dem sie in zeitweiligen Versammlungen über im voraus festgesetzte Gegenstände wissenschaftlich tagen und ihre Ideen austauschen könnten? Dies würde als große Anregung in der Hinsicht dienen, daß sich unser Geschlecht, da es auf den Wettlauf um die wissenschaftliche Bildung richten könnte.
All dies brachte ich zur Sprache, weil das Schweigen schwer auf meiner Seele lag. Wenn es mit gelang, einen Samen gesät zu haben, der in fruchtbare Erde fiel und einst nützliche Früchte hervorbringen wird, so werde ich jenen Entschluß loben, der mir zur Äußerung meiner Gedanken den Stift in die Hände gab.
Aus dem Deutschen von Katalin Teller
Quelle: Veres-Benicky, Hermin: Felhívás a nőkhez! In: A Hon, 28.10.1865, S. 2.